Geschichten aus seinem Leben – Notitzen:
Hermann Hübsch stammte aus sehr armen Verhältnissen und war, bis zu seiner Tätigkeit als Dozent an der Freien Kunstschule, finanziell nicht so gut gestellt. Als junger Maler nutzte er deshalb oft die Rückwände von alten Bildern, um eine Leinwand zum Malen zu haben. „Amtsstubenbilder“ auf der Rückseite manch seiner Bilder, belegen dies.
Herr Hübsch musste sich in den 1950iger Jahren eine Niere im Krankenhaus in Ulm entfernen lassen und war daher gezwungen, immer viel zu trinken. Er schwor auf seine selbstgesammelten Teesorten, die er auf der Bühne in der Wannenstraße trocknete. Jahreszeiten abhängig begleitet ich ihn zum Tee- und Kräutersammeln nach Bonlanden (Beinwell), Harthausen (Weißdorn), Hohenheim (Ginko), Plieninger Wald (Bärlauch, Brennnesseln, Brombeerblätter und Lindenblüten) und Sonnenbühl-Erpfingen (Johanniskraut für Öl zum Einreiben).
Hermann Hübsch war bis ins hohe Alter sehr agil und man konnte ihn in seinem Atelier oft beim „Herumstelzen“, hoch oben auf seiner Bockleiter („Malerwalk“) von einem Hochregal zum anderen, beobachten. Gelernt ist halt gelernt.
Er schwörte auf Naturheilverfahren und war der „Esoterik“ ein bisschen zugetan. Mit seinem Ehering pendelte er gerne Lebensmittel und schmerzende Körperstellen aus. Auch glaubte er an die Wirkung einer Wünschelrute und suchte nach Wasseradern und Energieströmen in seiner Wohnung.
Herr Hübsch hörte sehr schlecht. Das war natürlich zum einen altersbedingt, zum anderen rührte es auch daher, dass Herr Hübsch sich Zwiebelstücke und Quark in die Ohren strich, um damit Heilerfolge bei sich erzielen zu können. Das Ende vom Lied war dann meist eine Fahrt zum Heilpraktiker nach Neckarhausen, damit dieser bei Herrn Hübsch eine Ohrenspülung durchführen konnte. Seine Schwiegermutter, Frau Schoettle, hatte deshalb auch eine Trillerpfeife im Einsatz, um so mit ihrem Schwiegersohn besser „kommunizieren“ zu können. Bei Anrufen holte sie ihn, mit einem lauten Trillern, z.B. ans Telefon.
Er erzählte mir einmal eine Geschichte von einem Badefreund, den er in Öl porträtiert hatte. Der Gemalte fand sich aber nicht gut getroffen und war ihm deshalb böse. Es zerbrach sogar die Freundschaft daran. Nachdem der „Leuzianer“ gestorben war, kam sein Sohn zu Herrn Hübsch ins Atelier und schaute sich das Bildnis von seinem Vater an. Er war ganz begeistert und sagte: „Genau so war mein Vater, so hat er ausgesehen“ und kaufte das Bild. Schönheit liegt halt im Auge des Betrachters. Mich wollte Herr Hübsch übrigens nie porträtieren. Ich vermute, er wollte unsere Freundschaft nicht gefährden 😊.
Herr Hübsch bezog einen Ehrensold von der Stadt Stuttgart. Als er aber in einem Zeitungsartikel von einem großen Etatloch in der Stadtkasse las, schrieb er an Frau Dr. Sedelmaier sofort einen Brief und erklärte ihr, auf seinen Ehrensold verzichten zu wollen, um damit einen Beitrag zur Konsolidierung der Stadtfinanzen leisten zu können. Frau Dr. Sedelmaier antwortete und teilte ihm mit, dass es der Stadt Stuttgart finanziell nicht so schlecht gehe und er mit gutem Gewissen den Ehrensold weiter beziehen könne. Ob er auf den Ehrensold verzichtet hat, ist mir nicht bekannt. Aber so war er – hilfsbereit, freundlich, genügsam und zufrieden.
Zu seinem 90. Geburtstag überlegte ich mir ein besonderes Geschenk für ihn. Da er noch nie in seinem Leben geflogen war, so glaubte ich, ihm, mit einem Rundflug in einem einmotorigen Flugzeug über seine geliebte Schwäbische Alb, eine besondere Freude machen zu können. Die Sache kam aber anders.
Herr Hübsch hatte damals intensiv (wie besessen) damit begonnen, an seinen neuen Bildformaten, den Kompositionen, zu arbeiten. Der Flugtermin war für einen Sonntag geplant und wir sollten eine Stunde vorher am Flughafen sein. Leider herrschte an diesem Nachmittag Nebel, so dass wir über zwei Stunden warten mussten, bis wir starten konnten. Herr Hübsch sah die Unternehmung als vertrödelte Zeit an. „Was hätte ich in dieser Zeit heute alles im Atelier arbeiten können“, warf er mir vor. „Er habe sich auf diese Sache nur eingelassen, um mir eine Freude zu machen“. Der Flug hat ihm dann doch noch ganz gut gefallen. Wir umkreisen mehrmals die Burg Hohenzollern, hatten einen sehr schönen Sonnenuntergang als wir über den Albtrauf flogen und landeten dann wieder bei Dämmerung und unter voller Befeuerung auf der Landebahn des Stuttgarter Flughafens.
Auch nahm er Totenmasken von Freunden und Bekannten ab. Eine alte Gipsmaske hing immer in seinem Atelier (links neben dem Fenster bei den Paletten, vielleicht die Maske seiner Mutter). Nach dem seine Schwiegermutter Helene Schoettle 1994 gestorben war, wollte er unbedingt noch, am Morgen der Beerdigung, sie in ihrem Sarg zeichnen und eine Totenmaske von ihr abnehmen. Die Friedhofsordner gewährten ihm aber diesen Wunsch nicht mehr. Daraufhin zogen wir mit unverrichteter Dinge ab und kamen drei Stunden später, zur Beerdigung, bei der Oberbürgermeister Manfred Rommel die Trauerrede hielt, wieder.
Einige Schülerinnen und Schüler, die Herr Hübsch an der Freien Kunstschule unterrichtet hat, konnte ich ermitteln:
Seine Schüler Frohwalte (gestorben 2021) und Emil Wetter, Ehepaar aus Rutesheim, gratulierten Herrn Hübsch immer mit einer selbstgestalteten Karte zum Geburtstag. Sie besuchten ihn ab und zu und hielten lockeren Briefkontakt.
Von seinem Schüler Hans Epple aus Flein (gestorben 2006) sagte Herr Hübsch, dass dieser, nach seiner Frau Doris, der talentierteste Schüler war, den er unterrichtet habe und der es am weitesten gebracht hat. Herr und Frau Epple besuchten Herrn Hübsch regelmäßig.
Weitere Schülerinnen sind Eleonore Kötter (gestorben 2017), die Herrn Hübsch auf ihrer Internetseite (Museum digital) als ihren Lehrer erwähnt hat und Leonore Berg, die sich später Leoni Belmont nannte.